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Internetnutzung * Vorteile und Gefahren
Quote01.11.2011 23:540 people like thisLike
 

Das Internet ist immer wieder Gesprächsthema in Tageszeitungen und Schulbüchern, im Unterricht und im Internet selbst. Wie viel darf man öffentlich von sich preisgeben, wie stellt man sich in dem unbekannten Medium dar und wie kann man die Verbreitung von Informationen über sich dort im Griff behalten? Die Ängste, die mit den Daten im Netz verbunden sind, werden wachgerufen, weil Internetnutzung immer selbstverständlicher wird. Das Internet ist ein führendes Informationsmedium: Tagesaktuelle, wissenschaftliche und allgemeine Informationen in Wort, Bild und anderen Medien sind im Internet zu fast jedem Schlagwort in verschiedensten Sprachen und aus unterschiedlichsten Quellen verfügbar. Das Internet fordert den Informationsmenschen in besonderer Weise, aber es ermöglicht auch erst einen beschleunigten Umgang mit Informationen, der mit den Traditionen des Wissenserwerbs noch vor 30 Jahren nicht vergleichbar ist. Und nach einer ersten Phase des argwöhnischen Bestaunens, dass nicht nur Informationen, sondern auch andere Menschen durch das Internet in Bekanntschaft zu uns gelangen können, stellt man sich nun vernünftigerweise die Frage, wie mit dieser plötzlichen Nähe von Menschen, Informationen, Weltbildern und Lebenswelten umzugehen ist. Wer möchte ich im Internet sein, wer darf ich dort sein, mit wem bin ich im Netz zusammen und was weiß ich über diese meine Gruppe, was über *die anderen* ? Und gibt es das im Internet noch?

 

Die soziale Struktur des Internets, seine "Habiti" - die identifikatorischen kulturellen Vorlieben und Gewohnheiten, die sich nach Soziologen wie Pierre Bourdieu in Gesellschaften klassenspezifisch oder auch in anderer Weise fundiert entwickeln - sind weitaus unbestimmter und weniger festgelegt als die des lokalen sozialen Kontextes von Familien, Singles oder Kindern. Das Internet kann entsprechend ein regional und familiär stark geprägtes Weltbild ebenso stark irritieren. Schon deshalb fürchten viele Eltern, dass ihre Kinder im Internet auf falsche Seiten geraten, von Menschen mit unredlichen Absichten betrogen werden, sich gegenüber ihrem familiären Kontext verschließen und unkontrollierbare, vielleicht gefährliche Vorlieben entwickeln und im Internet auch pflegen können. Dies ist dann nicht nur eine Gefahr für das Kind, sondern gegebenenfalls für die gesamte Familie, wenn ein Jugendlicher, auf Abwege geraten, familiäre Daten ausplaudert oder erfindet und verbreitet, die die Familie diskreditieren. Der worst case, die unkontrollierte Verbreitung von bösen Anekdoten, ist schneller gegeben als man denkt - wer behält schon bei ständiger Internetnutzung alle Websites und Formulare im Kopf, auf denen er einmal irgendwelche Stories gepostet hat? Unzählige Foren warten schließlich auf lustige Beiträge....und die Suchmaschinen freuen sich ebenfalls. Die Aussichten auf die öffentlich gescannten geheimen Tagebücher der Schwester, Stories über den Fortschritt der Liebesabenteuer, über den aktuellen Widersacher und dessen Minderleistung in Schul- und Berufsfragen usw. usw. etc. pp. sind so gräulich, dass die strikte Kontrolle der eher unbefangenen Jugendlichen durch ihre hoffentlich bedachteren Eltern ganz vernünftig erscheint.

 

Idealerweise versucht man also einfach, das Internet und das Interesse an diesem Medium auf den informationellen Aspekt zu reduzieren. So lernen Kinder und Jugendliche die Informationsgeschwindigkeit, -vielfalt und -menge kennen, mit denen sie in Zukunft leben werden. Der spielerisch-erforschende Aspekt im neuen Medium bleibt dem Reifestadium der Jugend vorbehalten.

 

MedienwissenschaftlerInnen werden bei diesem Vorschlag, der so einfach klingt, verständig mit dem Kopf nicken. Hatten wir die Situation nicht auch bei der Einführung des Fernsehens? Im Gegensatz zum Fernsehen ist das Internet interaktiv und setzt auch gezielte Erkundung der technischen, sozialen und informationellen Umgebung voraus. Und obwohl man im Falle des Fernsehens eigenlich immer überzeugt war, dass das Medium dem Denken und dem Sozialverhalten schadet, hat es sich als Informations- und Unterhaltungsmedium in den Familien durchgesetzt. Das Internet kommt als eigentlich willkommene Ergänzung in die Familien, deren Gruppenbildung vor dem immer weniger informationellen Programm kaum noch hinterfragt wird. Die mögliche Distanz zur Familie, die das Internet als dekontextualisierendes Medium bietet, hat insofern zuerst einmal auch den positiven Aspekt, die eingeübte Medienpraxis in den Familien auf die Probe zu stellen.

 

Begegnungen mit fremden Menschen, die die Eltern nicht überblicken können, stellen eine Gefahr im Internet dar, die häufig als Begründung für Nutzungsverbote angeführt wird. In Chaträumen oder Foren können Erwachsene mit unterschiedlichsten Schadensabsichten Jugendliche beeinflussen. Andererseits erinnere ich mich selbst daran, in meiner Jugend ebenfalls immer einmal wieder mit Menschen zusammengetroffen zu sein, die ich interessant genug fand, um ihnen in irgendeiner Weise Einflussnahme zuzugestehen. Wo lernt man solche Menschen kennen? Im Bus, im Café, eben wenn man nicht zu Hause und nicht in der Schule ist. Wie solche Begegnungen sich entwickeln, hängt von den Vertrauensverhältnissen in der Familie ab - das Risiko ist kaum reduzibel, denn den wenigstens Kindern kann man verbieten, sich außerhalb von Schule oder Familie aufzuhalten. Und selbst in Kirchen und Vereinen, daran muss man an dieser Stelle leider erinnern, wird das Vertrauen von Kindern und Eltern massiv missbraucht. Noch viel schlimmer: Auch in den Familien selbst, im weiteren Familienumfeld, gibt es Missbrauch von Jugendlichen durch Erwachsene. Das Internet hat in diesem Kontext den großen Vorteil, dass Begegnungen immer zuerst virtuell und räumlich distanziert sind. Zwar kann man dort mit irritierenden Gedanken und Ideen verstört werden, aber die körperliche Gewalt ist relativ weit entfernt. Ein reales Treffen, das nicht irgendwie im regionalen Bereich verwurzelt ist und dadurch auch indirekt kontrolliert wird, ist kompliziert und widerspricht dem affektiven Aspekt von wirklich gefährlichen Begegnungen Jugendlicher mit älteren Menschen. Auch die Facebook- Parties sind ja nicht an sich ein Phänomen, sondern nur deshalb auffällig, weil Facebook als Werbemaßnahme für eine Veranstaltung erstaunlich gut funktioniert - an der Art des Zusammentreffens ändert sich dadurch nicht wirklich etwas. Zwar fehlte den *Primärobjekten* dieses neuen Internetmarketings die professionelle Organisation mit Ordnern, Sanitätern und Reinigungsdienst - als Begegnung von Jugendlichen waren die Parties aber mit gut beworbenen Veranstaltungen in den großen Einkaufsstraßen deutscher Großstädte, also Straßenfesten, Weltmeisterschaftsfesten, Weihnachtsmärkten oder Open Air Konzerten absolut vergleichbar. Die Idee, die soziale Struktur der auf diese Weise zustande gekommenen Veranstaltungen sei anders oder gefährlicher, ist insofern eher abwegig.

 

Und schließlich: Die gehässigen Informationen zu XY, die man im jugendlichen Alter leichtsinnig im Internet verbreitet. .. Auch das setzt voraus, dass jemand Tagebücher, peinliche Fotos und Anekdoten, innerhalb der eigenen Umgebung in die Hände bekommt, solche Fotos aufnimmt, Unterlagen entwendet und missbraucht, über Peinlichkeiten informiert wird. Das Internet spiegelt insofern nur die ohnehin im unmittelbaren sozialen Kontext vorhandene böse Absicht. Es war unfreundlich gesonnenen Mitmenschen und Erpressern immer schon möglich, übel nachzureden, zu diskreditieren und andere Menschen in ein falsches Licht zu rücken. Im Extremfall kann man auch brieflich oder telefonisch andere Menschen diskreditieren - das Internet ist als Medium nicht erforderlich. Gefährliche Kollektive wie Schulklassen oder Gruppen von Arbeitskollegen, die in solchen Strategien gezielt an einem Strang ziehen, funktionieren auf der Basis einer starken sozialen Determination - wer kollektiv kritisieren kann, dass jemand angeblich Gruppenbildern nicht entspricht, hat in der Regel eine feste Basis unhinterfragter Grundsätze, denen vermeintlich entsprochen werden muss.

 

Die Diskretierung durch das Internet ist im Gegensatz zu diesen Formen gestreut und unkontrolliert. Das verführt dazu, sie für unverfänglich zu halten: Sehr leicht ist ein Tagebucheintrag irgendwo gepostet, und später, nach dem Familienkrach, findet man vielleicht nicht einmal mehr die Seite, wo dieser Eintrag wieder gelöscht werden könnte. Oder man hat selber einen Fehler gemacht, bei einer Diskussion im Forum, und kann diesen nun nicht mehr korrigieren, weil z.B. der Betreiber des Forums seine helle Freude an dem Faux Pas hat und man schließlich für seine Beiträge selbst verantwortlich ist. So etwas kann ärgerlich sein. Aber es gibt gute Möglichkeiten, sich zu wehren: Man kann zur Not auch auf gerichtlichem Wege die Löschung von Beiträgen auf Internetseiten erwirken, wenn diese nachvollziehbar schaden und nicht (mehr) angemessen sind. Sind Internetseiten andererseits so unauffindbar, dass man über die eigenhändige oder administrative Löschung den Beitrag nicht entfernen kann, ist es fraglich, ob er wirklich schadet. Meine Dummheit von gestern ergänze ich heute mit besserem Wissen - das bessere Wissen bringe ich ebenfalls im Internet unter und sorge dafür, dass es nicht nur besser ist, sondern auch besser gefunden wird.

 

Lernen ist kein Prozess, der mit der Bestätigung irgendeines erreichten Levels von Schulwissen endet. In den Selbstdarstellungen der Bayerischen Gymnasien wird nicht nur die Ehrfurcht vor Gott, der Stolz auf das Vaterland und die Befähigung zur Berufstätigkeit, sowie Wohlwollen gegenüber dem 'Wahren, Guten und Schönen' als Bildungsziel proklamiert, sondern auch die Einsicht, das Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Und Lernen ist nicht nur die sukzessive Anhäufung von Informationen, vielmehr geht eine wirkliche Erweiterung von Wissen idealerweise mit einem Überdenken des bereits Geläufigen einher. Mehr Mut also zur Kritik und Selbstkritik. Man kann es sich ruhig durch das Internet angewöhnen, seine Fehler zu ertragen und als Ansporn zur Besserung zu sehen. Für soziale Verhaltensweisen, die auch einmal missglückt sein können - zu nackt, zu betrunken, zu häßlich, zu doof - kann man auch die Toleranz entwickeln, die uns die anderen Gäste auf der Party unter nachbarschaftlichen Freunden, auf der wir von diesen fotografiert worden sind, als wir das nicht unbedingt wollten, plötzlich nicht mehr gönnen.

 

Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern übel nehmen, dass sie sich unter falschen Freunden gehen lassen, finden sich sicher auch irgendwann einmal in den Millionen von Bildern, die uns das Internet täglich neu beschert. Oder sie finden Fotos, die so aussehen, als wären es diese Arbeitgeber oder Arbeitnehmer. Denn der Vorteil des Internets gegenüber jedem früheren Schwarz-Weiß-Abzug eines diskreditierenden Fotos, das ein Erpresser oder Neider an einen Arbeitsgeber schickte, ist die technische Leichtigkeit, mit der nahezu jedermann Fotos kopieren, manipulieren, unmerklich verändern und verfremden kann. Das diskreditierende Foto im Internet hat also, wenn wir es partout nicht wahrnehmen wollen, den Vorteil gegenüber früheren Dokumenten, dass man es einfach verleugnen kann. Ob unsere soziale Umgebung einschließlich unseres Arbeitgebers uns glauben, dass wir Opfer einer Manipulation und nicht entlarvter Täter sind, ist das Thermometer unseres sozialen Umfeldes. Die Frage, ob die möglicherweise diskreditierenden Objekte, die man von uns im Internet finden könnte, uns wirklich bloßstellen, entscheiden also nicht die Objekte selbst, sondern unsere Umgebung und wir.

Copyright © 2012 Studierstübchen (Dr. Ulrike Ritter)